Wir sind stolz auf Sie

Laudatio des Würzburger OB zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Barbara Stamm

29.05.2019 | Würzburg

 

 
Laudatio auf Landtagspräsidentin a.D. Barbara Stamm anlässlich der Verleihung des Ehrenbürgerrechts
am 29. Mai 2019

Begrüßung, namentlich s. Liste Protokoll

Sehr geehrte Frau Stamm,
es ist mir eine große Ehre und ganz besondere Freude, Ihnen heute die Urkunde zur Verleihung des Ehrenbürgerrechts der Stadt Würzburg zu überreichen. Würzburg war nicht nur der Ausgangspunkt Ihrer beeindruckenden politischen Karriere, die Sie in herausgehobene parlamentarische Funktionen und hohe Staatsämter geführt hat. Würzburg war immer auch ein Mittelpunkt Ihrer politischen Arbeit und Ihres beispiellosen ehrenamtlichen Engagements. Fast ein halbes Jahrhundert lang haben sie die Geschicke unserer Stadt maßgeblich mitgestaltet und sich dabei um Würzburg und die hier lebenden Menschen große und bleibende Verdienste erworben. Dafür wollen wir Ihnen heute danken, indem wir Ihnen die höchste Auszeichnung verleihen, die wir als Stadt zu vergeben haben. Aber zunächst will ich kurz auf die Stationen Ihres öffentlichen Wirkens zurückblicken und den Versuch unternehmen, Ihre Leistungen zumindest ansatzweise zu würdigen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Barbara Stamm wurde 1944 in Bad Mergentheim geboren. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Erzieherin und übte den erlernten Beruf bis 1978 auch aus, zuletzt als Heimleiterin im Schifferkinderheim Würzburg. 1969 trat sie in die CSU ein. Sie bekleidete diverse Vorstandsämter auf Kreis-, Bezirks- und Landesverbandsebene und war von 1993 bis 2017 stellvertretende Parteivorsitzende der CSU.
Im Jahr 1972 wurde sie in den Würzburger Stadtrat gewählt, dem sie – mit einer kurzen Unterbrechung – bis 1978 angehörte. Binnen kürzester Zeit erwarb sie sich die Achtung und den Respekt der Kolleginnen und Kollegen aus allen Fraktionen. Mit Kompetenz und Leidenschaft widmete sie sich vor allem den sozialen Belangen unserer Stadt. Erfolgreich setzte sie sich für die Einrichtung der städtischen Gleichstellungsstelle, des ersten städtischen Kindergartens und des ersten Frauenhauses sowie die Einführung eines kommunalen Erziehungsgeldes ein.
Mitglied des Bayerischen Landtags war Barbara Stamm von 1976 bis 2018,  also 42 Jahre lang. Insgesamt zehn Mal gelang es ihr, auf dem schwierigen Weg über die Liste ein Abgeordnetenmandat zu erringen, immer mit herausragenden Stimmergebnissen, auch in der Stadt Würzburg. Ab 1978 gehörte sie dem Vor-stand der CSU-Landtagsfraktion an und war ein Jahr lang stellvertretende Frak-tionsvorsitzende.
1987 wurde sie zur Staatssekretärin und 1994 zur Staatsministerin im Bayeri-schen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit berufen. Sie leitete das Ministerium erfolgreich bis zum Januar 2001 und war ab Oktober 1998 zugleich Stellvertreterin des Bayerischen Ministerpräsidenten.
2003 wählte der Landtag Barbara Stamm zu seiner Vizepräsidentin und 2008 als erste Frau zu seiner Präsidentin. Das zweithöchste Amt im Freistaat behielt sie bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Landtag im vorigen Oktober. Souverän, mit der gebotenen Neutralität und der ihr eigenen Herzlichkeit, nahm sie ihre Aufgaben wahr und mehrte so das Ansehen nicht nur des Amtes, sondern des gesamten Parlamentes.
So viel zum äußeren Werdegang von Barbara Stamm. Doch nun zum Wesentlichen. „Nicht das Amt ehrt den Mann, sondern der Mann ehrt das Amt“, heißt es im Talmud. Für die Frau gilt das natürlich ebenso. Und auf Barbara Stamm trifft es in besonderer Weise zu. Hätte sie nur Karriere machen wollen, hätte sie sich dann mit so viel Herzblut engagieren können? Nein, für Barbara Stamm waren ein Amt und der damit verbundene Besitz von Macht kein Selbstzweck. Ihr ging  es nicht um sich. Ihr ging es um die Sache. Genauer gesagt: Es ging ihr um die Menschen.
Ihr einsatzbereites Interesse am anderen Menschen bewies sie bereits mit der Wahl ihres ursprünglichen Berufs. Und konsequent ließ sie sich davon auch bei ihrer politischen Arbeit leiten. Es ist keineswegs übertrieben, wenn ich sage: Barbara Stamm ist eine der profiliertesten Sozialpolitikerinnen Deutschlands. Als Staatsministerin und stellvertretende CSU-Parteivorsitzende war sie maß-geblich an wichtigen sozialpolitischen Weichenstellungen auch auf Bundesebe-ne beteiligt. Ihrem christlich motivierten und gleichermaßen durch große Lei-denschaft und hohen Sachverstand  geprägten Einsatz für die Schwachen in unserer Gesellschaft  verdankt sie den Ruf, das „soziale Gewissen“ ihrer Partei zu sein.
Ihr besonderer Einsatz galt und gilt der Hilfe für alte und behinderte Menschen zu einem gleichberechtigten und möglichst selbstbestimmten und selbstständi-gen Leben sowie der Familienpolitik. Zu ihren zentralen Anliegen als Vorsit-zende der Familienkommission der CSU von 1989 bis 2000 und als Frauenbe-auftragte der Staatsregierung von 1993 bis 2001 gehörte die bessere Vereinbar-keit von Familie und Beruf.
 

In zahlreichen Ehrenämtern verwendete sie ebenfalls sehr viel Zeit und Kraft vor allem darauf, Not zu lindern und Benachteiligungen zu beseitigen, u. a. als Vizepräsidentin des Bayerischen Roten Kreuzes (1989-1999), als stellvertreten-de Vorsitzende des Diözesancaritasverbandes (2002-2016), dessen Ehrenvorsitzende sie heute ist, und – ebenfalls bis heute – als Vorsitzende des Landesverbandes Bayern der Lebenshilfe (seit 2001).
Als ebenso langjährige Rumänienbeauftragte der Staatsregierung und als Kura-toriumsvorsitzende der von ihr initiierten Bayerischen Kinderhilfe Rumänien trug sie wesentlich dazu bei, insbesondere die anfangs meist unwürdigen Le-bensbedingungen behinderter Kinder zu verbessern. Für ihren außerordentlichen persönlichen Einsatz erhielt sie den Stern von Rumänien, die höchste Auszeichnung der Republik Rumänien.
Die große Bekanntheit und das hohe Ansehen, die sich Barbara Stamm im In- und Ausland erworben hat, sind zweifelsohne positiv für das Renommee ihrer Heimatstadt Würzburg. Das allein würde die Verleihung des  Ehrenbürgerrechts jedoch nicht rechtfertigen. Nach der Satzung über Ehrungen der Stadt Würzburg wird das Ehrenbürgerrecht „als höchste Auszeichnung Persönlichkeiten verliehen, die sich durch hervorragende Leistungen um die Stadt besonders verdient gemacht haben“. Barbara Stamm erfüllt diese Bedingung in exemplarischer Weise.
Als Abgeordnete, Staatssekretärin, Ministerin, Landtagsvizepräsidentin und -präsidentin nutzte sie beständig ihre Kompetenzen und ihren Einfluss, um die Interessen unserer Stadt und Region in München angemessen zur Geltung zu bringen.
 
Wo sie nicht selbst entscheiden konnte, leistete sie Überzeugungsarbeit, schmiedete sie Allianzen, überwand sie Hemmnisse, indem sie die Beteiligten an einen Tisch brachte. Nicht immer geschah dies öffentlich. Oft wirkte sie hinter den Kulissen und ohne dass es die Öffentlichkeit mitbekam.
Es ist unmöglich, alles aufzuzählen, was insbesondere die Hochschulen, die Kliniken und viele soziale Einrichtungen in unserer Stadt ihrem unermüdlichen Einsatz zu verdanken haben. Ich kann hier nur schlaglicht- und stichpunktartig einiges herausgreifen, das mir besonders wichtig erscheint.
Barbara Stamm trug entscheidend dazu bei, dass die Stadt Würzburg immer wieder eine sozialpolitische Vorreiterrolle übernehmen konnte, beispielsweise mit Modellversuchen zur Tagesfamilienpflege oder zur Integration von Aussiedlern. Dass die Ganztagsschule am Heuchelhof zunächst als Schulversuch errichtet und dann dauerhaft etabliert werden konnte, ist wesentlich auf ihre Unterstützung zurückzuführen. Auch für die Entlastung der Stadt als Schulträger machte sie sich stark; so setzte sie sich beim Kultusministerium nachdrücklich für die Übernahme des Mozart- und Schönborn-Gymnasiums durch die evangelische Kirche ein. Aktuelle Großprojekte, bei denen sie uns als Stadt wirkungsvoll hilfreich zur Seite stand, sind der Ausbau der A3, der barrierefreie Umbau des Hauptbahnhofs, die Ausrichtung der Landesgartenschau 2018 und die Errichtung des Museums für Franken.
Eine zuverlässige Ansprechpartnerin und couragierte, kämpferische Helferin war und ist Barbara Stamm aber nicht nur für die Stadt Würzburg. Unter den hiesigen Institutionen, die sie intensiv förderte, ragt die Universität hervor.
 
So trug sie entscheidend dazu bei, die Erweiterung des Campus am Hubland zu ermöglichen. Bei der Ansiedlung des Helmholtz-Instituts für Infektionsforschung leistete sie wichtige Weichenstellungen. Die Entwicklung der Uni-Medizin und den Ausbau der Uni-Klinikums trieb sie an vielen Stellen voran; aktuelles Beispiel ist die Erweiterung der Klinik nördlich des Straubmühlwegs, wo eine weitere Verzögerung unbedingt verhindert werden muss. Für ihre vielfältigen Verdienste wurde ihr vor zwei Wochen mit der Ernennung zur Ehrensenatorin die höchste Auszeichnung zuteil, die unsere Universität zu vergeben hat.
Es sind aber keineswegs nur die großen Institutionen, für die sich Barbara Stamm eingesetzt hat und weiter einsetzt. Als prominente Unterstützerin machte und macht sie sich für unzählige soziale Vereine und Initiativen, Projekte und Aktionen stark. Sie war und ist Aufsichtsratsmitglied zahlreicher sozialer Einrichtungen und Schirmherrin unzähliger Veranstaltungen. Ein  Beispiel aus jüngster Zeit ist ihr Engagement als Ehrenpräsidentin der Stiftung „Forschung hilft“ des Vereins „Hilfe im Kampf gegen den Krebs“.
Barbara Stamm verkörpert in vorbildlicher Weise das vielbeschworene Ideal der bürgernahen Politikerin. Sie hat stets ein offenes Ohr für die Anliegen der Menschen, denen sie glaubhaft vermittelt, ihre Sorgen und Nöte ernst zu nehmen. Über viele Jahre war sie die beliebteste Politikerin im Freistaat, und wohl niemand hat sich erfolgreicher darum bemüht, die Distanz zwischen Bürgern und Politik zu verringern.
 
 

Für ihr außerordentliches politisches und ehrenamtliches Engagement, dessen Umfang ich hier nur andeuten konnte, erhielt Barbara Stamm viele und hohe Auszeichnungen, darunter den Bayerischen Verdienstorden, das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und die Bayerische Verfassungsmedaille in Gold. Die Stadt Würzburg würdigte ihre herausragenden Verdienste um das  Wohl ihrer Heimatstadt 2010 mit der Verleihung des Ehrenrings.
Sehr geehrte Frau Stamm, Sie sind einzigartig. In Bayern und in Würzburg gibt es kaum einen anderen Politiker, der unser Land und unsere Stadt über einen so langen Zeitraum an führender Stelle maßgeblich mitgestaltet und geprägt hat. Wir sind stolz auf Sie. Wir sind Ihnen von Herzen dankbar. Und wir empfinden es als Ehre, Sie zur Mitbürgerin zu haben. Deshalb hat der Stadtrat am 31. Januar 2019 beschlossen, Ihnen die Ehrenbürgerwürde zu verleihen.